Carl Wilhelm — der Mann hinter der „Wacht am Rhein“

In unserem Rittersaal steht eine Büste. Sie zeigt Carl Wilhelm (1815–1873) — ein Vierteljahrhundert lang die prägende Gestalt des Krefelder Musiklebens, heute fast nur noch als Komponist eines einzigen Liedes bekannt. Die Schlaraffia Crefeldensis führt ihn als Ehrenschlaraffen unter dem Namen „Donnerhall“.

Ein Musiker für Krefeld

Carl Wilhelm wurde 1815 in Schmalkalden geboren und studierte Musik. 1840 — mit fünfundzwanzig Jahren, auf Betreiben des Krefelder Kaufmanns Scheibler — kam er an den Niederrhein. Fast 25 Jahre lebte er hier als Komponist, Klavierlehrer und Dirigent der Krefelder Liedertafel.

Diese Liedertafel war kein beliebiger Gesangverein. Sie war der Mittelpunkt des kulturellen Lebens der Stadt: Ihre Mitglieder — national-liberale Bürger aus den führenden Krefelder Familien — sangen nicht nur, sie komponierten und dichteten selbst. Wer die Liedertafel dirigierte, bestimmte das Musikleben Krefelds. Über die Stadt hinaus prägte Carl Wilhelm die niederrheinischen und die deutsch-niederländischen Musikfeste. Er vertonte Gedichte, schrieb Kammermusik und vor allem eine Reihe von Chorwerken.

Wie die „Wacht am Rhein“ entstand

1840 schrieb der zwanzigjährige Max Schneckenburger während der sogenannten Rheinkrise ein Gedicht mit dem Titel „Rheinwacht“ — ausdrücklich ein Verteidigungslied, entstanden aus der Furcht vor französischen Ansprüchen auf das linke Rheinufer. Vierzehn Jahre später, 1854, vertonte Carl Wilhelm den Text als Chorwerk, anlässlich der silbernen Hochzeit des späteren Kaisers Wilhelm I. Uraufgeführt wurde es in Krefeld, auf einem Fest der Liedertafel, gemeinsam mit dem Krefelder Sängerbund.

Die erste Zeile — „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ — hat dem Ehrenschlaraffen seinen Namen gegeben.

Ruhm als Verhängnis

Im Krieg von 1870/71 wurde das Lied zu einer Art inoffizieller Nationalhymne. Man erinnerte sich des inzwischen kranken Komponisten, holte ihn nach Berlin, empfing ihn bei Hofe und ließ ihn im Zirkus Renz vor einem Massenchor von mehreren hundert Sängern sein eigenes Werk dirigieren. Auf der Rückreise brach er zusammen. 1873 starb er in Schmalkalden, 58 Jahre alt.

Dabei war Carl Wilhelm zeitlebens ein stiller, hochsensibler und zur Melancholie neigender Mann. Nach Jahren erfolgreicher Arbeit zog er sich zurück, wurde zum argwöhnisch beäugten Sonderling und verließ Krefeld 1865 heimlich, bei Nacht und Nebel, zurück zu seiner Mutter. Der Ruhm, den andere Künstler ersehnen, wurde für ihn zum bösen Geist.

Nach 1945 kam noch ein Unrecht hinzu: Die „Wacht am Rhein“ galt pauschal als Ausgeburt deutschen Militarismus, und aus dem melancholischen Carl Wilhelm wurde in mancher Schulstunde ein Auftragskomponist im Solde Preußens. Der Kern dieser Legende ist dünn — Bismarck setzte ihm fast zwanzig Jahre nach der Uraufführung eine Jahrespension aus.

Warum wir an ihn erinnern

Die Crefeldensis ehrt ihren Ehrenschlaraffen nicht als Verfasser einer Melodie, sondern als den Künstler, der ein Vierteljahrhundert lang das Musikleben dieser Stadt getragen hat: als Dirigent eines blühenden Chorgesangs, als Musikpädagoge und als Förderer der rheinischen Musikfeste. Dass ein Reych, dessen Wahlspruch In arte voluptas lautet, ausgerechnet einen Musiker zum Ehrenschlaraffen erhebt, ist kein Zufall.

Nach einer Betrachtung von Rt Ludulus, a. U. 147. Mehr zur Geschichte der Crefeldensis.

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